Warum der Mensch Stress zum Leben braucht

Ganz klar: Diese Frau hat Stress
Ganz klar: Diese Frau hat Stress - © Foto: chromeorange

Bluthochdruck, Magengeschwüre, Burnout – mit dem Begriff "Stress" werden wahrlich keine positiven Assoziationen geweckt. Dabei muss Stress nicht immer Negativ sein – im Gegenteil: Stressforscher behaupten sogar, dass wir eine gesunde Portion Stress für unsere Entwicklung und
unser Wohlergehen brauchen.


 Unter dem Wort "Stress" wird nichts Gutes verstanden: Menschen leiden unter Stress, bekommen Bluthochdruck und Magenprobleme, ihr Alltag ist hektisch. Nach einer aktuellen Umfrage der Techniker Krankenkasse in Hamburg leidet ein Drittel der Deutschen unter Dauerstress. Dabei muss Stress nach der Ansicht von Fachleuten nichts Negatives sein, im Gegenteil: "Wir brauchen Stress, um zu leben", sagt Peter Heilmeyer, Leiter der Reha-Klinik Überruh in Isny bei Ravensburg. Ähnlich sieht es auch der Psychologe und Mediziner Joachim Kugler von der Technischen Universität Dresden: "Stress sorgt dafür, dass wir uns entwickeln. Er ist der Weg zur Selbstverwirklichung."

Dass Stress nicht ausschließlich negativ zu sehen ist, hat als erster der Anfang der 80er Jahre verstorbene Mediziner Hans Selye herausgefunden. Er gilt als der Vater der Stressforschung und hat sich Jahrzehnte lang mit diesem Thema beschäftigt. Um dem Stress etwas Positives abzugewinnen, müssen die Menschen allerdings richtig mit ihm umgehen. Wichtig ist die Balance zwischen Belastung und Regeneration sowie eine positive Einstellung zum Leben.

Stress und ein gesundes Leben sind also kein Widerspruch. Wer nicht nur die negativen Seiten einer Situation sieht, hat es deutlich einfacher. So stört sich zum Beispiel einer nicht daran, dass er seinen Bus verpasst. Der andere ist darüber so aufgeregt, dass er schon völlig entnervt ins Büro kommt. Wer ein gutes soziales Umfeld hat, ist in der Regel ausgeglichener und damit auch stressresistenter als ein Mensch ohne Familie und Freunde. "Einer der größten Stressoren ist es, wenn plötzlich eine Vertrauensperson weg ist", sagt Kugler. Dann sinke die Stressverträglichkeit deutlich.

Zur Regeneration nach Stress ist Bewegung sehr sinnvoll. Denn in stressigen Situationen steigt der Blutdruck, das Herz schlägt schneller. "Früher, als noch mehr körperlich gearbeitet wurde, gab es sofort einen Ausgleich durch Bewegung", sagt Heilmeyer. "Das ist heute bei einem Schreibtisch-Job nicht möglich." Umso wichtiger ist es, nach der Arbeit zum Beispiel Spazieren zu gehen oder zu joggen. Um sich bewusst zu entspannen, eignen sich auch Yoga, mentales Training oder einfach nur ein gutes Buch.

Ein Leben ohne Stress kann zwar auf den ersten Blick seinen Reiz haben, erstrebenswert ist es jedoch auch aus gesundheitlichen Gründen nicht. Denn neben dem vielzitierten Burn-Out-Syndrom gibt es mittlerweile auch ein Bore-Out-Syndrom. Es leitet sich vom englischen "to bore" (sich langweilen) ab. Heilmeyer greift das in einem Buch auf. "Wenn der Job zu Tode langweilt, kann das weit schlimmer sein als ein noch so hektischer Arbeitsalltag", schreibt er. Wer ständig unterfordert wird und im Büro die Stunden zählt, bis er wieder nach Hause gehen kann, ist müde, lustlos und frustriert. Gipfeln kann dies in einer Depression - ähnlich wie beim Burn-Out-Syndrom.

"Ich warne davor, immer nur die Überlastung zu sehen", sagt auch Kugler. Immer häufiger gebe es auch Monotonie-Stress. Dies ist in langweiligen Situationen der Fall, bei denen die Menschen immer in Alarmbereitschaft sein müssen - zum Beispiel, wenn eine unterbeschäftigte Sekretärin auf einen wichtigen Anruf wartet.

Jeder Mensch braucht eine Portion Stress, um sich wohl zu fühlen. Die Dosis ist unterschiedlich. "Das hängt von der Persönlichkeit ab und auch von der Tageszeit", erklärt Kugler. In der Regel sind Menschen am Vormittag und am frühen Nachmittag am fittesten. Schneller überfordert fühlen sie sich mittags und abends.

Unabhängig von der Tageszeit kann manchen Menschen nicht genug los sein. "Ich bin arbeitswütig und liebe den Stress", sagte etwa Elke Heidenreich in einem Interview. Den Deutschen ist der sogenannte positive Stress - auch Eustress genannt - nicht unbekannt. Bei einer Umfrage des Demoskopie-Instituts Allensbach vor drei Jahren gaben über zwei Drittel der Befragten an, positiven Stress bereits erlebt zu haben. Diese Erfahrung hatten vor allem Freiberufler und Selbstständige gemacht. Bei ihnen kommt hinzu, dass Stress gleichbedeutend mit einer guten Auftragslage ist und dies ihre Stimmung hebt. Je schlichter die Arbeit und je geringer die Verantwortung, desto seltener wurde positiver Stress erlebt.

Wer wenigstens nicht hin und wieder ein etwas stressiges Leben hat, verpasst nicht nur den Kick der Adrenalin-Schübe. Er verlernt außerdem den richtigen Umgang mit der Belastung. Wird das Leben dann doch einmal turbulenter, ist er hilflos. "Wer fast nie in die Sonne geht, kriegt schnell einen Sonnenbrand. Wer sich immer vor allen Viren schützen will, ist als erster erkältet", vergleicht es Heilmeyer. Auch beim Stress gilt: Erst die Dosis macht das Gift.

Quelle: Gesamter Artikel nebst Foto aus "DIE WELT" online vom 10.06.09 - © WeltN24 GmbH 2016. Alle Rechte vorbehalten